Dezember 23, 2019
Januar 9, 2020

Lieber Piero,
gern schick ich dir nun ein paar Zeilen zu meinem Befinden.

Es gab einige Situationen, die ganz anders wurden durch das Wahrnehmen und Umgehen mit meinen Grenzen und Bedürfnissen. So etwas auszusprechen, hat bereits in verschiedenen Beziehungen zu Veränderungen geführt und fühlt sich authentischer an als alles zuvor. Auf viele Sachen bekomme ich weniger Lust (Anlässe / Themen anderer) und auf andere viel mehr (Intimität und Ruhe für meine Angelegenheiten und in der Partnerschaft). Manche Konflikte bin ich ganz anders angegangen und befinde mich dadurch zB. grad in einer ernsten Auseinandersetzung in meiner 6er WG. Das fühlt sich aber, anders als früher, gar nicht so dramatisch an (Schuld, Aggressionen etc.), sondern sehr klar mit mir und damit konfrontativer für andere. Anders gesagt: Die Phasen von Verstimmung, die ich sonst nur sehr mühsam teilweise über Wochen verkraften konnte, scheinen sich gerade auf wenige Minuten oder Stunden zu verdichten und enden damit, dass ich eine gute Idee davon bekomme, welche Position ich gerade fühle und welche gerade hilfreich für mich ist. Manchmal ist das deckungsgleich und manchmal braucht es eben etwas Abstand und Ruhe, um da hinzukommen.

Seit gestern zurück in Hamburg, steht nun das regelmäßige Lernen an und irgendwie scheinen sich die Dinge selbst zu fügen, sodass ich ganz guter Hoffnung bin, diese Woche täglich aber nicht übermäßig viel zu schaffen und dann schrittweise auf ein Level bringe, mit dem ich mich ganz Wohl fühle und in dem ich noch genug Zeit für Muße und Erholung hab. Diese Sichtweise hatte ich zwar kognitiv schon lange, aber so noch nicht aus mir heraus spüren können. Dadurch sind viele Bezüge zu ehrenamtlichen und freundschaftlichen Tätigkeiten verblasst und lassen mich aufatmen, endlich (für mich) zu lernen und einen Alltag zu entwickeln. Einen Monat habe ich immerhin noch, um in drei Fächern prüfungsfest zu werden.

Am Rauchen vergeht mir immer mehr die Lust und heute werde ich nach langer Zeit mal wieder zum Aikido gehen. Meine Magenschmerzen sind in verschiedenen Momenten der ausschlaggebende Impuls gewesen, mich irgendwo abzugrenzen, meist aber erst wenn es zu spät war und so kostete das dann viel Energie und Erklärung. Da werde ich (so fühlt es sich jedenfalls an) noch viel dazu lernen in den nächsten Wochen, um die Balance von innen heraus zu halten. Die tiefe Verbundenheit zu mir selbst und damit eine gewisse Zuversicht, habe ich in den letzten Tagen nicht mehr verlieren können und das macht mich unterm Strich optimistisch.

Viele herzliche Grüße,

Jan